Kapitel 4: Der blutende Baum im Park

Montag 23. Dezember 1889

 

Ein elektromagnetisches Grab, ein flüsterndes Gewölbe und ein blutender Baum im Park. Selten waren Sherlock Holmes und ich während eines Falles zu solch außergewöhnlichen Schauplätzen geschickt worden. Unser Klient Ebenezer Scrooge wurde erpresst. Wenn er bis zum 21. des Monats die Summe von 10.000 Pfund nicht bezahlen würde, sollte er das Weihnachtsfest nicht mehr erleben. Da Mr. Scrooge sehr geizig war, engagierte er lieber meinen Freund und mich, als den Erpresser zu bezahlen. Mehrere Verdächtige waren auf der Bildfläche erschienen. Zwei hatten wir bereits kennen gelernt. Fred Scrooge, der Neffe des Bedrohten und Bob Cratchit, Mr. Scrooges Angestellter. Einen weiteren Verdächtigen sahen wir nur aus der Ferne. Mr. Fezziwig, ebenfalls ein Warenhausbetreiber und Scrooges Konkurrent.
 

Die Vorkommnisse, die sich nach denen im letzten Kapitel ereigneten, werde ich Ihnen nun darlegen. Ich bin mir sicher, dass Sie am Ende dieses Kapitels erkennen, wer für all die bösen Missetaten verantwortlich war.

Am Abend des 21. brachen Holmes und ich gegen halb elf im Schutze der Nacht in die Saint Paul´s Cathedral ein. Für Holmes und sein Dietrichbesteck stellte die Tür in der Sakristei kein Problem dar und so schlichen wir kurz darauf die 257 Stufen zur Whispering Gallery, dem Flüstergewölbe, empor. Etwas außer Atem riskierte ich einen Blick über das gusseiserne Geländer und konnte das 30 Meter tiefer gelegene Kirchenschiff im Dunkeln kaum erahnen.

„Achtung mein lieber Watson. Verlieren Sie nicht den Halt.“, warnte mich Holmes. „Die Whispering Gallery verdankt im Übrigen ihren Namen der besonderen Eigenheit der Konstruktion, die ein Flüstern gegen die Wände auf der gegenüberliegenden Seite hörbar macht.“

„Ja, das ist ja alles schön und gut, aber wo wollen Sie sich verstecken.“

„Hier oben ist es dunkel genug. Wenn wir uns hier neben der Steinbank an die Wand verstecken, dann wird uns niemand sehen können. Mr. Scrooge wird das Päckchen auf der Galerie ablegen und dann gehen. Kurze Zeit später wird der Erpresser hier erscheinen, um das Geld an sich zu nehmen. Dann schlagen wir zu. Hier oben ist er uns ausgeliefert.“

„Na, wenn Sie glauben, dass das so klappt.“

„Ein guter Detektiv glaubt nicht, er ist sich sicher. Haben Sie Ihre Militärpistole eingesteckt?“

„Ich habe sie am Mann.“

„Sehr gut. Kommen Sie. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Ziehen wir uns zurück und werden eins mit den Schatten von Sankt Paul.“

Lange mussten wir nicht warten. Kurz vor Mitternacht hörten wir Schritte auf der Treppe. Mr. Scrooge hatte, wie besprochen, den gleichen Eingang wie wir über die Sakristei genommen und erschien jetzt in seinem weiten Mantel gekleidet auf der Galerie. Es war zwar sehr dunkel, aber sein markantes Profil war unverkennbar. Er trug ein kleines Päckchen in der Hand. Unschlüssig stand er am Geländer und blickt in die Tiefe, wie ich zuvor.

„Ebenezer Scrooge!“ donnerte plötzlich eine tiefe Stimme durch die gesamte Kuppel. Ich erschrak und musste mich zusammenreißen, um nicht voreilig unser Versteck zu verlassen.
„So bist Du wirklich erschienen, um vor Gott Deine Sünden zu beichten?“

„Ja, ich bin Ebenezer Scrooge.“, antwortete er ängstlich. Seine Stimme klang hoch und krächzig und hatte allen Zorn und Gehässigkeit verloren. „Wer sind Sie?“

„Ich bin der Geist der diesjährigen Weihnacht! Ebenezer Scrooge, möchtest Du das kommende Weihnachtsfest noch erleben?“

„Ja! Ja, das will ich!“

„Dann hast Du mitgebracht, worum ich dich gebeten habe?“

„Ja! 10.000 Pfund! Hier habe ich sie.“

Holmes und ich wagten in unserem Versteck kaum zu atmen. Jetzt würde Scrooge das Paket ablegen.

„Ebenezer Scrooge!“ dröhnte es abermals durch die Kirchenkuppel. „Wirf das Paket hinab in die Tiefe.“

Und Scrooge tat sofort wie ihm befohlen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Holmes sprang auf.

„Verdammt! Kommen Sie, Watson! Den schnappen wir uns!“ So schnell wir konnten, liefen wir die Galerie entlang auf die Treppe zu. Scrooge konnte grad rechtzeitig zur Seite springen, sonst hätte Holmes ihn über den Haufen gerannt. Auf der engen Wendeltreppe nahmen wir gleich zwei Stufen auf einmal, um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. Aber vergebens. Als wir unten im Kirchenschiff ankamen, war der Geist der Weihnacht mit dem Päckchen verschwunden.

 

Ebenezer Scrooge war außer sich und erhob schwere Vorwürfe gegen Holmes. Da sich auf sein Anraten in dem Päckchen statt Geldnoten lediglich alte Lieferscheine befanden, fürchtete Scrooge nun um sein Leben. Doch Holmes hatte einen Plan. Er hielt auf der Paternoster Row eine Droschke an und setzte unseren Klienten hinein. „Fahren Sie den Herrn in die Bakerstreet 221B.“, rief er dem Kutscher zu. Anschließend suchten wir noch etwa zwanzig Minuten die gesamte Kathedrale ab. Leider ohne Erfolg. Der Geist hatte keine Spuren hinterlassen.

 

Als wir darauf in die Bakerstreet zurückeilten, empfing uns eine aufgeregte Mrs. Hudson an der Haustür. Sie berichtete, dass sie Mr. Scrooge in unser Wohnzimmer hinaufbegleitet hätte. Als sie anschließend in der Küche einen heißen Tee zubereiten wollte, hörte sie plötzlich einen lauten Schrei aus dem ersten Stock. Als sie den Raum betrat, fand sie Scrooge bewusstlos am Boden liegend und an der Schläfe blutend. Das Fenster war geöffnet und in der Holzvertäfelung der gegenüberliegenden Wand steckte ein Pfeil. Dieser hatte Scrooge nur knapp verfehlt. Der Geist der Weihnacht hatte wieder zugeschlagen. Ebenezer Scrooge hatte den Mordanschlag knapp überlebt. Ich versorgte seine Wunde und er kam schnell wieder zu sich. Er wurde sehr laut und schrie, er würde Holmes vor Gericht ziehen. In der Bakerstreet wollte er nicht mehr bleiben. Er schnappte seinen Mantel und verschwand. Wir gingen zu Bett. In der Nacht erwachte ich, weil ich ein Geräusch aus dem Wohnzimmer vernahm. Ich öffnete meine Tür einen Spalt und sah Holmes am Schreibtisch sitzen. Er verbrannte einen Brief in unserem großen marmornen Aschenbecher. Ich glaubte erkannt zu haben, dass es eben jener Brief war, der Holmes vor zwei Tagen so aus der Fassung gebracht hatte.

 

Am folgenden Tag, es war der 22. Dezember, machten wir Mr. Scrooge unsere Aufwartung. Aber er wollte nicht mit uns sprechen. Durch seinen Angestellten, Mr. Cratchit, ließ er uns ausrichten er wäre erkrankt.

„Es tut mir leid, aber die Strapazen der letzten Tage waren einfach zu viel für ihn.“, entschuldigte sich Cratchit. „Vielleicht mögen sie morgen wiederkommen. Er sagt, dass er sich heute ausruhen wird. Wahrscheinlich geht er wieder mal angeln. Morgen ist Montag, da wird Mr. Scrooge sicher wieder arbeiten.“

Ich wunderte mich, dass Cratchit nicht mehr stotterte. Anscheinend tat er das nur im Beisein seines Arbeitsgebers.

 

Wir zogen unverrichteter Dinge ab und wollten gerade in unsere Droschke steigen, als ein großer, kräftiger Mann auf uns zu eilte. Er war um die fünfzig Jahre alt und ausnehmend gut gekleidet. Kannte ich den Mann? Ich hatte das Gefühl, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Er zog seinen Hut.
„Guten Morgen, meine Herren.“, sagte er mit einer tiefen Bassstimme. „Entschuldigen sie bitte, ich sah Sie dort aus dem Gebäude treten. Darf ich mich erkundigen, ob es Mr. Scrooge gut geht?“

„Dürfen Sie, Mr. Fezziwig“, antwortete Holmes. Nun wusste ich, dass ich den Mann kannte. Das war Mr. Fezziwig, Warenhausbetreiber und Scrooges Konkurrent.

„Was? Woher wissen Sie denn wer ich bin?“

„Es ist mein Beruf solche Dinge zu wissen. Mein Name ist Holmes.“

„Mr. Sherlock Holmes? Der berühmte Detektiv? Von Ihnen habe ich natürlich schon gehört.“

Ich hatte den Eindruck, dass Mr. Fezziwig ein wenig nervös wurde.

„Mr. Scrooge ist mein Klient. Er hat mich mit einer bestimmten Angelegenheit betraut. Bitte sagen Sie es nicht weiter, aber Scrooge wird erpresst und ist in der Nacht nur knapp einem Mordanschlag entgangen.“

„Ach du meine Güte, das ist ja fürchterlich. Der arme Mann. Wir leben in schrecklichen Zeiten. Wo soll das nur hinführen. Na ja, dann will ich Sie mal nicht aufhalten. Ich muss weiter. Auf Wiedersehen, meine Herren.“ Er lüftete erneut seinen Hut, drehte sich um und entfernte sich hastig.

 

Ich staunte, als ich Mr. Fezziwig bereits am nächsten Tag wiedersah. Holmes und ich saßen in der Bakerstreet beim Lunch, als Mrs. Hudson Besuch ankündigte. Und da stand er nun wieder. Mr. Fezziwig. Dieses Mal war ein wenig blass um die Nase und ich bot ihm meinen Platz an.

 

„Wie können wir Ihnen helfen, Mr. Fezziwig?“, fragte Holmes.

Er schob meinem Freund einen Bogen Papier über den Tisch zu. „Jemand versucht mich zu erpressen!“

 

Wollen Sie sehen, was auf dem Papier stand? Dann klicken jetzt Sie jetzt hier.

 

„Inhalt und Stil kommen mir vertraut vor. Haben Sie schon jemanden davon erzählt?“

„Nein. Niemanden. Mr. Holmes, was raten Sie mir?“

„Zahlen Sie. Gehen Sie zur Bank und heben Sie 50.000 Pfund ab. Aber erzählen Sie niemanden von dem Erpresserschreiben. Verstanden?“

„Natürlich. Wenn Sie sagen, dass das das Richtige ist?“

„Ist es. Sie besorgen das Geld und hinterlegen es um Mitternacht im Hydepark.“

„Im Hydepark?“, fragte ich verwundert.

„Der blutende Baum, Watson! Er steht im Hydepark!“

 

Nachdem Mr. Fezziwig unser Haus verlassen hatten, hefteten wir uns an seine Fersen. Wir folgten ihm zu seiner Bank, wo er tatsächlich die geforderte Summe abhob. Vor der Schalterhalle fiel mir ein Mann auf, der auf einer Bank saß und Zeitung las. Es war Scrooge Neffe, Fred. Darauf angesprochen, was er dort täte, wurde recht unfreundlich und sagte, dass uns das nichts anginge.

 

Am Nachmittag versuchten wir erneut, bei Mr. Scrooge vorstellig zu werden. Wir fanden ihn in seinem Büro, von seinem Assistenten Mr. Cratchit keine Spur.

„Ich glaube, Cratchit hat versucht mich zu vergiften! Mit einer fürchterlichen Suppe! Darum habe ich ihm vorhin gekündigt. Dann hat er sein wahres Gesicht gezeigt und mich bedroht. Sicherlich ist er für den gestrigen Mordanschlag und für die drei Erpresserbriefe verantwortlich. Und Marley hat er auch auf den Gewissen. Das habe ich eben schon der Polizei gemeldet. Hoffentlich fangen sie den Lumpen schnell.“

„Das wäre zu hoffen.“

„Im Übrigen sind Sie auch gefeuert, Mr. Holmes. Wegen Ihnen wäre ich gestern beinahe umgekommen, jawohl! Und glaube Sie nicht, dass ich Ihnen auch nur einen Penny zahle.“

Wir drehten uns um und gingen.

 

In der Nacht schlichen wir durch den Hydepark.

„Hier entlang, Watson!“

„Ich ahne immer noch nicht, was mit dem blutenden Baum gemeint ist.“

„Dieses Mal war es wirklich einfach. Der blutendende Baum ist natürlich die Blutbuche. Und davon steht im Hydepark ein besonders großes und altes Exemplar. Schauen Sie, dort drüben ist sie. Wunderschön nicht? Sie verliert ihr Laub erst im nächsten Frühling, wenn die frischen Blätter treiben.“
 

Auf einer freien Wiese stand der einzelne großer Baum. Er war in der tat riesigen Ausmaßes und, im Gegensatz zu den anderen Bäumen im Park, noch immer voller Laub.

In 30 Meter Entfernung legten wir uns nun auf die Lauer. Kurz vor Mitternacht erschien Mr. Fezziwig. Er lief zu der Blutbuche und legte das Paket darunter ab. Dann ging er wieder und wir warteten. Aber es geschah nichts. Wir harrten über eine Stunde in unserem Versteck aus. Aber der Geist der Weihnacht erschien nicht. Niemand kam.

 

„Kommen Sie Watson, wir müssen nicht länger warten.“

Ich folgte ihm zur Blutbuche. Aber nein. Das konnte nicht sein! „Holmes! Das Paket! Es ist fort! Ich bin mir sicher, dass es hier gelegen haben muss. Genau da hat es Fezziwig abgelegt. Und wir beide haben die Wiese und den Baum die ganze Zeit beobachtet. Hier war niemand! Da bin ich mir sicher. Das Paket kann sich doch nicht in Luft auflösen!“

„Nein, das kann es nicht, mein lieber Freund. Würden Sie mir kurz Ihre Pistole borgen? Ich bin mir sicher, der Geist der Weihnacht näher ist, als sie denken. Und ich weiß jetzt auch genau, wer es ist!“

 

Lieber Leser. Sind Sie ebenso schlau wie Sherlock Holmes? Dann sind Sie nun an der Reihe. Lösen Sie jetzt den Fall! Beantworten Sie bitte bis spätestens 24.12.2019 um 23.19 folgende Fragen:

  1. Wer ist der Erpresser, der sich Geist der Weihnacht nennt
  2. Wo befindet sich der Erpresser?
  3. Wie hat sich der Erpresser verraten?

 

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