Kapitel 3: Das flüsternde Gewölbe

Sonntag 22. Dezember 1889

 

Liebe Leser. Sind Sie schon einmal des Nachts in ein Gotteshaus eingebrochen? Nein? Das verwundert mich nicht, halte ich doch meine treue Leserschaft für durchweg anständige Menschen, die ein frommes Leben führen und daheim zur Nacht ruhen, um für den nächsten Tag voller Arbeit und Mühen die nötigen Kräfte zu sammeln.  Obwohl ich mich für einen ebenso anständigen und gottesfürchtigen Bürger halte wie Sie, muss ich die Frage, ob ich schon einmal in ein Gotteshaus eingebrochen sei, seit der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember leider mit einem Ja beantworten. Wie es dazu kam, möchte ich Ihnen nun berichten. Und wie es mir mein Freund, der berühmte beratende Detektiv Sherlock Holmes, aufgetragen hat, werde ich mir alle erdenkliche Mühe geben, mich dabei kurz zu halten und präzise zu formulieren. Ich hoffe, dass meine Ausführungen Ihnen dabei helfen werden, am Ende dieser Geschichte die richtigen Schlüsse zu ziehen und diesen überaus kniffligen Fall zu lösen.

 

Das letzten Kapitel endete damit, dass Holmes und ich überhastet aufbrachen, um unserem neuen Klienten, Mr. Ebenezer Scrooge, ein Besuch abzustatten. Dieser hatte Holmes über einen Boten darüber informiert, dass er, ebenso wie sein kürzlich durch einen Pfeil hinterrücks ermordeter Geschäftspartner Jacob Marley, einen Erpresserbrief erhalten habe. Unterschrieben von dem Geist der Weihnacht.

 

„Da sind Sie ja endlich!“, grollte Scrooge uns entgegen. „Wenn ich eine halbe Ewigkeit auf Ihr Eintreffen warten muss, kann ich mich auch gleich an die Trottel von Scotland Yard wenden. Wofür bezahle ich Sie überhaupt, Mr. Holmes?“

„Nun, genau genommen, haben Sie mich noch gar nicht bezahlt. Die Abrechnung erhalten Sie, wenn ich den Fall abgeschlossen habe. Darauf können Sie sich verlassen.“
„Ach ja? Dann berichten Sie mal, was Sie in diesem Fall bereits unternommen haben. Ich würde Ihnen ja einen Stuhl anbieten, wenn ich einen hätte.“

Ich schaute mich in seinem Büro um und spürte sofort eine unangenehme Beklemmung, die sich um meinen Brustkorb legte. Die Wände sahen aus, als bestünden Sie lediglich aus Aktenordnern und ich hatte den Eindruck, die Last der schiefen Zimmerdecke würde ausschließlich von Aktennotizen, Rechnungen und Lieferscheinen getragen. Hätte ein unkundiger Besucher einen Aktendeckel herausgezogen, wäre womöglich das gesamte Gebäude eingestürzt. Auf dem Fußboden stapelten sich dutzende meterhohe Türme aus Papier und Warenproben. Neben der Tür stand ein kleiner Ofen, der nur wenig Wärme von sich gab. Vor dem Fenster dominierten zwei wuchtige, dunkle Schreibtische den Raum. An dem rechten Exemplar thronte unser Klient Mr. Scrooge und funkelte uns aus seinen wässrigen blauen Augen böse an. Auf der Tischplatte brannte eine einzelne Kerze in einem Leuchter und trotz der Mittagssonne, der es draußen sehr wohl gelang die winterlichen Straßen Londons zu erwärmen, war es in dem Büro dunkel wir in einer Höhle. Der linke Arbeitsplatz war verwaist und musste die Wirkungsstätte des verblichenen Mr. Marley gewesen sein. Dort fehlte der Schreibtischstuhl. Wahrscheinlich hatten die Beamten von Scotland Yard den aufspießten Leichnam samt Stuhl zur Untersuchung in das örtliche Leichenschauhaus gebracht. So hatte Scrooge recht. In dem Büro gab es keinen Stuhl, außer natürlich seinen eigenen.

„Was ich unternommen habe? Nun, ich habe das Rätsel um das elektromagnetische Grab gelüftet.“

„Ach ja?“

„Ja. Es handelt sich dabei um die Ruhestätte eines Wissenschaftlers. Michael Faraday.“

„Kenne ich nicht. Und? Haben Sie da etwas gefunden an diesem Grab?“

„Nein, aber das habe ich auch nicht erwartet. Aber ich habe eine Erkenntnis gewonnen. Der uns noch unbekannte Verbrecher musste Marley gut gekannt haben Und er musste auch über sein spezielles Interesse für Physik Bescheid wissen. Er war sich sicher, dass Marley sofort erkennen würde, wo das elektromagnetische Grab zu finden sei. Kein Erpresser nennt für das Lösegeld einen Abgabeort, den das Opfer nicht kennt.“

In diesem Moment klopfte es zaghaft an der Tür.

„Jetzt nicht, Cratchit!“, schrie Scrooge.

Die Tür öffnete sich trotz des Verbots einen Spalt, und ein kleiner Mann mit einer überproportional großen Nase lugte verschüchtert in das Büro.

„Mr. Sc-Sc-Scrooge? Wenn i-ich stören d-dürfte?“
„Hatte ich nicht ausdrücklich angeordnet, dass ich nicht wünsche, in meinem Termin unterbrochen zu werden, Cratchit?“, donnerte unser Klient. An seinen Schläfen pulsierten die blauen Äderchen und traten unter der dünnen, pergamentartigen Haut immer stärker zu Vorschein.

„Beruhigen Sie sich doch!“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Denken Sie an Ihre Gesundheit!“

„Dieser vermaledeite Cratchit raubt mir den letzten Nerv.“

Der Beschimpfte stand elend in der Tür und zitterte am ganzen Leibe.

„Schauen sie sich den Idioten an! Cratchit ist unser Angestellter. Marley hat ihn mit ins Geschäft gebracht. Er war lange Jahre sein persönlicher Sekretär. Dabei taugt er zu nichts. Gott weiß warum Marley einen Narren an ihn gefressen hat. Nun rede schon, Nichtsnutz!“

„I-Ihr N-N-Neffe ist da und mö-mö-möchte Sie spre-echen!“ presste Cratchit hervor, machte schnell auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro, bevor weitere Beschimpfungen über ihn hereinbrechen konnten.

„Fred ist hier? Das wird ja immer schlimmer! Mr. Holmes, Sie rechnen mir Ihr Honorar aber nicht nach Minuten ab, verstanden?“

„Keine Sorge, ich bin großzügig. Außerdem bin ich gespannt, die Bekanntschaft ihres Verwandten zu machen.“

 Der Mann, der nun das Büro betrat, stellte den komplette Gegensatz zu seinem Onkel dar. Ein hochgeschossener Mitvierziger, mit rosigen Wangen und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

„Gott zum Gruße, Onkel Ebenezer. Vergib mir die Störung. Wie Cratchit mir sagte, hast Du Besuch?“

„Das geht Dich nichts an.“

„Ich bin Sherlock Holmes und dies ist mein Freund Doktor Watson.“, stellte Holmes uns vor.

„Sehr angenehm. Mein Name ist Fred Scrooge. Entschuldigen Sie vielmals, dass ich in Ihre Unterredung platze, die Herren. Ich wollte meinen Onkel nur noch einmal einladen, das Weihnachtsfest bei uns zu verbringen. Mary und die Kinder würden sich sehr freuen.“

„Dr. Watson, wären Sie so freundlich die Ohren meines Neffen zu untersuchen? Anscheinend leidet er, trotz seines jugendlichen Alters, unter zunehmender Taubheit! Fred, ich habe Dir schon dreimal zu verstehen gegeben, dass ich nicht das geringste Interesse hege, Weihnachten bei Dir und Deinen verzogenen Plagen zu verbringen. Ich habe zu tun. Und jetzt, wo Marley tot ist, sogar doppelt so viel!“

„Marley ist tot? Das tut mir leid. Ich habe ihn immer sehr gemocht.“

„Ja, ja. Papperlapapp. Verschwinde, Du Versager! Raus hier!“

Fred lächelte. „Ich wünsche Dir auch einen schönen Tag und frohe Weihnachten!“ Dann nickte er uns freundlich zu und verließ das Büro.

„Hoffentlich war es das jetzt.“, stöhnte Scrooge und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

Ich wusste nicht, ob ich Ebenezer Scrooge hassen oder Mitleid mit ihm haben sollte. Die Luft im Raum war zum Schneiden. Ich ging hinüber zu Scrooge. „Erlauben Sie, dass ich einen Moment das Fenster öffne? Ein bisschen frische …“

Sofort fiel er mir ins Wort. „Sind Sie wahnsinnig? Sie lassen ja halb Sibirien in mein Büro. Haben Sie eine Ahnung, wie hoch die Heizkosten heutzutage sind?“

„Na dann eben nicht.“ Ich schaute aus dem Fenster. „Wer ist der Herr, der dort unten mit Ihrem Neffen spricht?“

Scrooge hüpfte von seinem Stuhl und eilte zu mir.

„Na das gibt es doch nicht. Das ist mein Konkurrent. Mr. Fezziwig. Der betreibt ebenfalls ein Warenhaus.“

Holmes gesellte sich zu uns an das Fenster. „Ihm gehört das große Lagergebäude direkt gegenüber?“

„Ja, ganz genau. Verdient Unmengen an Geld mit Waren aus Übersee. Wenn da drüben mal alles mit rechten Dingen zugeht. Worüber sprechen die beiden bloß da unten?“
Als hätten die Männer die Fragen gehört, trennten sie sich und jeder ging seiner Wege.

„Nun, Mr. Scrooge“, begann Holmes. „Lassen wir uns zum Grund unseres Besuches kommen. Sie ließen mir ausrichten, dass auch Sie ein Erpresserschreiben erhalten haben?“

„Genau so ist es.“ Scrooge lief zurück zu seinem Schreibtisch, öffnete die Schublade und entnahm ihr einen Zettel. „Hier, lesen Sie.“

 

Wollen Sie sehen, was auf dem Papier stand? Dann klicken Sie jetzt hier!

 

„Haben Sie gelesen? Die Summe hat sich erhöht! Was für eine Unverschämtheit. Der Geist der Weihnacht verlangt jetzt das Doppelte!“, echauffierte sich Scrooge. „Was soll ich nur tun, Mr. Holmes?“

„Sind Sie bereit, 10.000 Pfund zu zahlen?“

„Was? Natürlich nicht!“

„Dann bleibt uns nur eines zu tun. Wir stellen dem Erpresser eine Falle. Sie, Mr. Scrooge, hinterlegen zur geforderten Uhrzeit das Päckchen an der geforderten Stelle.“
„Sind Sie schwachsinnig?“

„Sie füllen das Päckchen natürlich mit Zeitungspapier, statt mit Geld. Watson und ich legen uns heimlich auf die Lauer. Wenn der Geist der Weihnacht erscheint, um das Geld an sich zu nehmen…“ „Schnappt die Falle zu!“, beendete Scrooge zähnefletschend den Satz.

„Ja, aber …“, schaltete ich mich ein „Was oder wo ist das flüsternde Gewölbe.“

„Aber, mein lieber Freund. Als Londoner Bürger sollten Sie das doch wissen. Des Rätsels Lösung finden Sie in jedem Reiseführung. Sagen Sie es ihm Mr. Scrooge?“

„Das flüsternde Gewölbe befindet sich in der Saint Paul´s Cathedral.“

„Sie wollen sich des nachts in der Saint Paul´s Cathedral einen Mörder fangen? Wie stellen Sie sich das vor, Holmes. Nachts ist die Kirche doch sich abgeschlossen.“

„Dann brechen wir eben ein.“

 

Liebe Freunde. Das war das dritte Kapitel unseres Minikriminalromans „Sherlock Holmes Weihnachtsgeschichte“. Viele Verdächtige sind heute auf der Bildfläche erschienen. Ist einer von Ihnen der Mörder? Wird es Holmes und Watson gelingen, den Erpresser im flüsternden Gewölbe der Saint Paul´s Cathedral zu fangen? Morgen steht für Sie das vierte und letzte Kapitel bereit, mit dem Titel „Der blutende Baum im Park“.

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