Kapitel 2: Das elektromagnetische Grab

Samstag 21. Dezember 1889

 

Am nächsten Morgen saß ich allein beim Frühstück. Holmes hatte spät in der Nacht die Bakerstreet verlassen und war noch nicht wieder zurückgekehrt. Sollte er das Rätsel um das elektromagnetische Grab bereits gelöst haben? In was für einen Irrsinn wurden wir da nur hineingezogen? Sherlock Holmes war ganz sicher der Meister seines Fachs. Doch wenn in diesem Fall wirklich übernatürliche Kräfte ihr Spiel trieben, dann stünde selbst der berühmte Meisterdetektiv vor einem unlösbaren Rätsel.

Ich blickte finster auf meinen Sessel. Das gute Stück war immer noch ganz feucht von dem gestrigen Besucher und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er dessen süßlich-fauligen Geruch angenommen hatte. Der Geruch des Todes, schoss es mir durch den Kopf. Ich wischte diesen Gedanken zur Seite. Mrs. Hudson verließ in diesem Moment das Wohnzimmer. Die arme Frau hatte auf Knien vergeblich versucht, die Flecken aus dem Teppich zu entfernen, die der mürrische Alte mit seinen dreckigen Stiefeln hinterlassen hatte. Ihre Schimpftiraden traue ich mich hier nicht wiederzugeben. Selbst der geneigteste Leser unter Ihnen würde mir die Wortwahl unserer temperamentvollen Vermieterin nicht verzeihen. An diesen Mr. Scrooge werden wir uns alle noch lange erinnern, dachte ich und köpfte schwungvoll mein Frühstücksei.
Ebenezer Scrooge, ein eigentümlicher Name für einen, ich will es mal so ausdrücken, besonderen Herrn. Holmes hatte gestern binnen Sekunden erkannt, dass Geiz sein vorstehendster Charakterzug war. Die Honorarforderung meines Freundes hatte er seltsamer Weise ohne ein Wimperzucken akzeptiert. So wurde aus dem Mann, der am vorangehenden Tage zum five o'clock tea wortwörtlich in die Bakerstreet schneite, unser neuer Klient. Nie werde ich vergessen, wie er mit leiser aber fester Stimme einen Geist des Mordes bezichtigte.

 

„Berichten Sie, Mr. Scrooge. Und wenn ich bitten darf, kurz und präzise.“

„Sie sind ein Mann ganz nach meiner Fasson. Sie faseln nicht lange um den heißen Brei herum. Zeit ist Geld. Also, passen Sie auf. Heute früh habe ich meinen Geschäftspartner Jacob Marley tot in unserem gemeinsamen Büro aufgefunden. Er saß kerzengrade an seinem Schreibtisch, Augen weit aufgerissen, das Gesicht weiß wie Kalk, zu einer Schreckensmaske verzerrt.“

„Dass ein Toter aufrecht sitzen kann, scheint mir doch recht ungewöhnlich.“, sagte ich an Holmes gewandt.

„Nicht, wenn ihn etwas in seinem Stuhl hält.“

„Ja, was soll ihn denn da festhalten?“

„Ein Pfeil.“, antwortete Scrooge. „Ich bemerkte ihn erst, als ich zum Fenster ging, um es zu schließen. Scheißkalt war es im Büro. In der Rückenlehne des Schreibtischstuhls steckte das verdammte Ding. Es durchbohrte nicht nur die Lehne, sondern auch das Rückgrat des armen Marley.“

„Verstehe. So konnte der Leichnam nicht zusammensacken.“, schlussfolgerte ich.

„Ein schrecklicher Anblick, das sage ich Ihnen.“

Holmes knetet seine Unterlippe. „Gehe ich recht in der Annahme, dass man am Schreibtisch sitzend, das Fenster im Rücken hat?“

„Ja, ganz genau.“

„Haben Sie Scotland Yard verständigt?“

„Natürlich. Aber das sind alles Schwachköpfe, sag ich Ihnen. So ein dicker Idiot mit Halbglatze hat sich wichtiggetan. Stellte eine Menge dämlicher Fragen.“

Mir kam in den Sinn, dass es sich bei dem uncharmant beschriebenen Polizisten um unseren Freund Inspektor Lestrade handeln musste. Seit seiner Heirat im letzten Jahr hatte er ordentlich zugelegt.

„Vollkommen inkompetent.“, zischelte Scrooge. „Hat das wichtigste Indiz übersehen. Ein Glück, dass meine Augen noch so gut sind. Habe es unter dem Schreibtisch entdeckt, als die Stümper fort waren.“ Kichernd zog er ein Stück Papier aus seiner Manteltasche hervor und reichte es Holmes. „Das muss Marley im Todeskampf aus den Fingern geglitten sein.“

Holmes nahm den Zettel. Beim Lesen des Textes zeigte sein Gesicht keinerlei Reaktion. Lediglich seine linke Augenbraue bewegte sich stetig nach oben, bis sie fast den Haaransatz erreichte.

„Was sagen Sie dazu?“

 

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„Mr. Holmes! Was sagen Sie dazu?“

Holmes Antwort ließ nicht lang auf sich warten. „Geister, mein lieber Mr. Scrooge, schreiben keine Erpresserbriefe.“ Er gab das Schriftstück an mich weiter.

„Das weiß ich auch.“, antwortete er giftig.

„Ich gehe davon aus, dass Jacob Marley ebenso kostenbewusst veranlagt war wie sie?“

„Glauben Sie etwa, ich hätte mir einen Geschäftspartner gesucht, der das Geld mit vollen Händen zum Fenster herausschmeißt? Marley war Schotte, knauserig bis in sein verdorrtes Mark. Gönnte weder sich noch anderen das Schwarze unter den Fingernägeln. Ein prachtvoller Mensch, das sage ich Ihnen.“

Holmes schloss die Augen und massierte mit den Zeigefingern seine Nasenwurzel. „Der Fall scheint sich wie folgt darzustellen. Ihr Geschäftspartner erhielt diesen Erpresserbrief.“

„Von dem Geist der Weihnacht?“ fragte ich erstaunt.

„Unterbrechen Sie mich nicht. Er erhielt den Erpresserbrief. Er sollte am 19. Dezember 5.000 Pfund hinterlegen.“

„Auf einem elektronmagnetischen Grab? Das ist doch Unfug!“

„Watson! Ich sagte, keine Unterbrechungen! Ob als Übergabeort der Buckingham Palace oder der Nordpol genannt ist, ist zu diesem Zeitpunkt gänzlich unerheblich. Mr. Scrooge, ich gehen davon aus, dass Ihr Partner niemals leichtfertig 5.000 Pfund ausgegeben hätte?“

„Noch nicht mal, um sein eigenes Leben zu retten. Sie gehen also auch davon aus, dass der Brief und sein Ableben in einer direkten Beziehung stehen.“

„Dies scheint die einzig logische Schlussfolgerung zu sein. Er ging auf die Erpressung nicht ein und am folgenden Tag wurde er ermordet. Mit einem Pfeil, der von draußen durch das offene Fenster in Ihr Büro geschossen wurde. Mr. Scrooge, ich möchte bitten, dass Sie uns jetzt verlassen.“

„Wie bitte? Wieso?“

„Ich habe zu arbeiten. Und ich möchte Sie eindringlich bitten, sich wenigstens für den Rückweg eine Droschke zu leisten.“

Jetzt wurde mir erst klar, warum Scrooge uns dermaßen nass und verdreckt die Aufwartung machte. Der alte Geizhals musste den weiten Weg von seinem Kaufhaus südlich der Themse bis in die Bakerstreet zu Fuß gemacht haben. Und das bei einem Wetter, bei dem man noch nicht mal einen Hund vor die Tür geschickt hätte.

„Halten Sie in Ihrer Wohnung und im Büro alle Fenster und Türen fest verschlossen.“

„Natürlich mache ich das. Glauben Sie, ich heize für meine Nachbarn?“

„Eine letzte Frage. Hatte Mr. Marley ein Hobby?“

„Ein Hobby? Sie meinen außer Geld verdienen? Lassen sie mich überlegen. Ja! Die Wissenschaften waren sein Steckenpferd! Er beschäftigte sich gerne mit … Physik.“

 

Wenig später verabschiedete sich Ebenezer Scrooge. Holmes zog sich an seinen Schreibtisch zurück und brütete über seinen Büchern. Als ich später zu Bett ging, war er noch immer auf und rauchte eine Pfeife. Ich erinnere mich, dass ich im Schlaf das Schlagen der Haustür glaubte vernommen zu haben. Und nun saß ich am Samstagmorgen allein in der Bakerstreet und beendete mein Frühstück. Holmes verschwand öfter über Nacht, manchmal sogar für mehrere Tage. Also machte ich mir keine Sorgen. Aber ich war neugierig. Ich trank den letzten Schluck Kaffee aus, stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. Ich wusste, Holmes würde es hassen, wenn ich einen Blick in seine Unterlagen wagen würde, aber er war ja nicht da. Was hatte er sich zuletzt angeschaut? Auf einem hohen Bücherstapel lag aufgeschlagen ein Band der Encyclopedia Britannica. Ich schaute mir die Angabe auf dem Buchrücken an. Fa bis Fi. Als ich das Buch wieder aufschlug, um mir die aufgeschlagene Seite zu besehen, glitt es mir aus den Händen und fiel zu Boden. Ich ging in die Hocke, um es aufzuheben. Da sah ich die Schreibtischschublade vor mir und der Brief kam mir wieder in den Sinn, der Holmes gestern so aus der Fassung gebracht hatte. Sollte er vergessen haben, die Schublade abzuschließen? Ja tatsächlich. Sie war offen. Da lag das Kuvert. Für Sherlock Holmes höchstpersönlich, stand darauf geschrieben. Dazu der Vermerk Streng Geheim und das Wappen der Regierung. Was zum Teufel ging da vor? Ich öffnete den Umschlag, faltete das Papier auseinander. Da flog die Tür auf.

„Holmes!“

„Was machen Sie da an meinem Schreibtisch.“

„Nichts.“, log ich und ließ den Brief so unauffällig wie ich konnte in die Schublade gleiten. „Wo kommen Sie denn her?“

„Vom elektromagnetischen Grab.“

„Meiner treu! Sie haben es gefunden?“

„Was denken Sie! Nachdem ich alle Hinweise richtig kombiniert hatte, war es ganz einfach. Ein Grab findet man natürlich wo, Watson?“

„Ein Grab? Wo? Ja, wo findet man denn ein Grab?“, stotterte ich.

„Auf einem Friedhof natürlich. Heute sind Sie besonders schwerfällig, mein Lieber. Mr. Scrooge sagte, dass sich Marley für Physik interessierte. Wir suchen also das Grab eines Wissenschaftlers.“

Ich erinnerte mich an den Band der Encyclopedia Britannica, für die Begriffe von Fa bis Fi. „Ein Wissenschaftler, dessen Name mit einem F beginnt!“, rief ich aus.

„Großartig Watson. Wie heißt es so schön: ein blindes Huhn, findet auch einmal ein Korn. Ein Wissenschaftler dessen Name mit einem F beginnt. Michael Faraday. Experimentalphysiker und Entdecker der elektromagnetischen Rotation. Vor 22 Jahren verstorben und auf dem Highgate Friedhof bestattet. Und jetzt steigen Sie in Ihren Mantel und folgen Sie mir.“

„Auf den Highgate Friedhof?“

„Nein. Zu Ebenezer Scrooge. Er hat heute Nacht selbst einen Erpresserbrief erhalten. Unterschrieben vom Geist der Weihnacht! Kommen Sie, es geht um Leben und Tod!“

 

Liebe Freunde. Das war das zweite Kapitel unseres Minikriminalromans „Sherlock Holmes Weihnachtsgeschichte“. Haben Sie das Rätsel um das elektronmagnetische Grab genauso schnell gelöst wie unser Meisterdetektiv? Steckt hinter dem Erpresserbrief wirklich ein übernatürliches Wesen oder doch noch ein irdischer Verbrecher? Und was steht in dem Brief, den Holmes in der Schublade versteckt hält!
Morgen steht für Sie das dritte Kapitel bereit, mit dem Titel „Das flüsternde Gewölbe.“

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