Sherlock Holmes Weihnachtsgeschichte

Ein Minikriminalroman von Stephan Guddat

 

Kapitel 1: Des Pudels Kern

Freitag 20. Dezember 1889


„Verdammt, das hatte ich nicht kommen sehen!“

Erschrocken schaute ich von meiner Times auf und sah Holmes mit hochrotem Kopf aus dem Sessel springen. Er fuhr mit seinen schlanken Fingern hastig unter den Hemdkragen, als sei dieser in der letzten Sekunde auf magische Weise um drei Konfektionsgrößen geschrumpft. Vor wenigen Minuten hatte Mrs. Hudson, die treue Seele des Hauses und nebenbei bemerkt unsere Vermieterin, unser Wohnzimmer im ersten Stock der Bakerstreet 221B betreten und aus den Augenwinkeln hatte ich wahrgenommen, wie sie zirkusreif ein schwer beladenes Tablett vor sich her balancierte. Sie servierte den five o'clock tea, stellte eine große Platte mit Gurken- und Käsesandwiches auf den Beistelltisch am Kamin und überreichte Holmes einen Brief, der soeben mit der Nachmittagspost eingetroffen war. Und eben dieser Brief schien der Anlass für Holmes heftigen Ausbruch gewesen zu sein.

„Was haben sie nicht kommen sehen, Holmes?“

Von meinem Freund erhielt ich keinerlei Reaktion. Stattdessen ging er wüst schnaubend auf und ab, den Blick starr auf das Schreiben gerichtet.

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

Wieder ignorierte er mich. Er setzte sich an seinen überfüllten Schreibtisch, ließ den Brief in der Schublade verschwinden und fuhr sich dann durch sein stetig lichter werdendes Haar. Plötzlich schnellte er auf und eilte zum Fenster. Er späte kurz durch die Vorhänge und beobachtete den vorweihnachtlichen Trubel auf der Straße. Erneut verließ er seine Position, rannte zum Kamin und stocherte mit dem Schürhaken in die brennenden Scheite, als würde er mit unsichtbaren Feuerdämonen in einem Duell um Leben und Tod die Klingen kreuzen.

„Holmes?“, versuchte ich es erneut. Er ließ den Schürhaken fallen, stattete seinem Schreibtisch erneut einen kurzen Besuch ab, überlegte es sich in der letzten Sekunde anscheinend anders, fiel kraftlos in den Sessel, Ausgangspunkt seiner eigentümlichen Reise durch unser Wohnzimmer, und schloss die Augen.

„Na dann eben nicht.“, seufzte ich und vertiefte mich wieder in die Times.

„Ich kann nicht glauben, dass er es gewagt hat.“, stieß Holmes hervor. „Das wird ihm teuer zu stehen kommen.“ Dann herrschte er plötzlich mich an. „Watson! Was ist los mit Ihnen? Hören sie mir denn überhaupt nicht zu?“

Langsam sah ich auf. „Mein lieber Freund! Wie eh und je können Sie sich meiner ungeteilten Aufmerksamkeit sicher sein.“ Ich strich die Seiten der Zeitung glatt und wandte mich ihm geduldig zu. Anscheinend war er nun bereit, mit mir eine Konversation zu führen. „Schließlich bin ich nicht nur Ihr treuer Begleiter, sondern auch Ihr stets achtsamer Chronist.“

„Der sich, wenn ich das sagen darf, ohne dass Sie gleich beleidigt sind, in seinen Berichten über unsere Abenteuer gerne auch etwas knapper halten kann. Wäre dies hier einer Ihrer Romane, hätten Sie sicherlich die soeben verstrichene Minute über ein ganzes, ermüdendes Kapitel literarisch zu Tode geritten.
Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss. Wie Holmes kurz zuvor, hatte ich den Impuls, meinen Binder abzulegen und den obersten Knopf meines Hemdes zu öffnen.

 „Zu Tode geritten? Aha. Sie deuten also an, ich solle mich kürzer fassen.“

„Ich habe es nicht nur angedeutet. Schreiben Sie kürzer, alter Junge. Und präziser!“

„Holmes, ich weiß schon was ich tue. Wenn die Einleitung eines unserer Abenteuer vielleicht mal eine Seite länger ausfällt …“

 „Eine Seite? Ich bitte Sie, mein Lieber! In der Regel muss man doch fünf oder sechs Seiten über sich ergehen lassen, bevor Sie endlich auf den Punkt kommen. Oder wie man so schön sagt, auf „des Pudels Kern“.“

 „Des Pudels Kern? Blödsinn. Sie verstehen einfach nichts von der Schriftstellerei. Am Anfang muss man die Figuren einführen, die Charaktere beschreiben. Wo befinden wir uns? Ist es Sommer oder Winter? Tag oder Nacht? Und dann braucht man gleich zu Anfang ein kleines Geheimnis, ein Rätsel, welches man dem Leser aufgibt. Zum Beispiel: Sie erhalten einen mysteriösen Brief, von dem wir weder wissen, wer ihn geschrieben hat, noch welchen Inhalt er birgt. Aber es muss etwas fürchterlich Dramatisches sein, da sie wild aufspringen und so etwas ausrufen, wie: Oh mein Gott, das hatte ich nicht kommen sehen!“

In diesem Augenblick klopfte es. Mrs. Hudsons streckte ihr rosiges Gesicht durch die Tür und beendete damit unseren Streit. Vorläufig.

„Entschuldigen Sie bitte, Mr. Holmes! Unten im Flur steht ein Herr, der Sie sprechen möchte.“

„Wunderbar. Ich lasse bitten!“

Nachdem Mrs. Hudson die Tür wieder zugezogen hatte, fragte ich ihn, ob er mir nun nicht endlich verraten wolle, was in seinem ominösen Brief stünde. Holmes setzte ein spitzbübisches Gesicht auf und raunte mir zu: „Das kann warten. Jetzt kommt „ER“, mein lieber Freund!“

„Wer „ER“?“

„Na wer schon. Unser Pudel.“

 

„Sind Sie der Schnüffler?“ fauchte der alte knochige Mann. Ein armseliger Bettler von der Straße, erkannte ich sofort. Wahrscheinlich alkoholisiert. Seine Hände umfassten krampfartig einen hölzernen Gehstock. Der graue, von Motten zerfressene Mantel war voller Schnee und ganz durchnässt. Auf dem Teppich hinterließen seine verdreckten Stiefel schmutzige Abdrücke. Arme Mrs. Hudson.

„Nun, wenn sie mit der Betitelung „Schnüffler“ den Beruf des beratenden Detektives meinen, haben Sie ins Schwarze getroffen. Mein Name ist Sherlock Holmes. Watson, warum so unhöflich. Möchten Sie dem Herrn nicht Ihren Sessel anbieten?“

„Nein! Was? … ich meine … Aber ja. Selbstverständlich.“ Nun hatte ich Mitleid mit meinem schönen Sitzmöbel.

Misstrauisch nahm der Greis Platz. Ich ging zum Kamin und stellte mich an die Seite meines Freundes. Ich flüsterte ihm schnell zu, dass wir lieber ein gutes Auge auf unsere Wertsachen haben sollten.

„Ich bin nicht taub, Jüngelchen!“ herrschte mich der Unbekannte sofort an. „Glauben Sie etwa, ich wäre ein Dieb?“

Bevor ich etwas entgegnen konnte, sprang mir Holmes zur Seite.

„Entschuldigen Sie bitte Dr. Watsons unbedachten Worte. Wegen Ihres Auftretens und Ihrer Kleidung vermutete er, Sie wären ein Hausierer oder ein Landstreicher, denen man gerne voreilig unlautere Absichten unterstellt.“

„Landstreicher, ja?“ Ein schiefes Lächeln zog sich über die dünnen Lippen des Mannes.
Holmes ließ mich am Kamin stehen und setzte sich dem Mann gegenüber.

„Aber ich weiß, dass dem nicht so ist. Der Zustand Ihrer Kleidung erklärt sich nicht durch das Fehlen von finanziellen Mitteln, sondern durch die Angst um den Verlust derselbigen.“

Ich verstand gar nichts. „Bitte was?“

„Dieser Mann ist nicht arm, mein lieber Watson. Er ist geizig!“

„Ich nenne es „kostenbewusst!“ kommentierte der Alte bissig.

„Aber Holmes“, wandte ich ein „wie konnten Sie das nun schon wieder wissen?“

„Sein Gehstock! Der Knauf, den seinen Händen so fest umschließen, ist aus purem Silber.“

Holmes blickte dem Mann nun fest in die Augen. „Mit wem haben wir die Ehre?“

„Mein Name ist Scrooge. Ebenezer Scrooge.“

„Dann sind Sie der Mitinhaber des bekannten Warenhauses „Scrooge and Marley“?“

„Seit heute Alleininhaber. Mein Geschäftspartner, Jacob Marley, ist tot. Mr. Holmes, glauben sie an Geister?“

„Nein.“, entgegnete mein Freund knapp. „Sie etwa?“

„Natürlich nicht. Jedoch weist alles darauf hin, dass ein Geist den armen Marley umgebracht hat.“

„Was denn für ein Geist?“, wollte ich wissen.

Scrooge räusperte sich, als würde ihm die Antwort schwerfallen. Dann flüsterte er mit einem merkwürdigen Knarzen in der Stimme: „Der Geist der Weihnacht!“

 

Liebe Freunde. Das war das erste Kapitel unseres Minikriminalromans „Sherlock Holmes Weihnachtsgeschichte“. Kommt Ihnen Mr. Scrooge bekannt vor? Kann es wirklich sein, dass ein Geist seinen Partner umgebracht hat? Und was mag wohl in dem Brief stehen, der Holmes so aus der Fassung gebracht hat? Morgen steht für Sie das zweite Kapitel bereit, mit dem Titel „Das elektromagnetische Grab“

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